Wohn-Trends in Zeiten von Corona

Die Möbelmesse 2021 konnte nicht stattfinden. Coronas Auswirkungen waren und sind allgegenwärtig. Das ist die Situation: Hier die schöne, neue Design-Welt mit einer einflussreichen Möbel-Industrie dahinter, dort ein winziger Virus, der ein Runterfahren auch der größten gesellschaftlichen Ereignisse verursacht. Das hätte sich niemand vorstellen können. „Ja und“, fragt sich jetzt der enervierte Mitbürger, „was soll daran interessant sein? Das ist doch jetzt in allen Lebensbereichen so.“ Nun, Corona hat vorhandene Möbeltrends noch mal verstärkt und neue Varianten hinzugefügt.

 

Der Trend Cocooning

Schon vor einigen Jahren hieß der Mega-Trend der Internationalen Möbelmesse in Köln Cocooning. Das meint „ein Rückzug aus der (bedrohlich wirkenden oder komplexen) Umwelt in das eigene Zuhause“ (1). Doch während der Texter damals noch sagen konnte, dass der „Rückzug kein Rückzug in die Einsamkeit“ ist, und das Motto “Einladen ist das neue Ausgehen“ verkündet, hat sich das unter Corona gründlich verändert. Es kann – trotz digitaler Kontaktmöglichkeiten – schon ganz schön einsam in so einem Kokon werden oder auch ganz schön eng, wenn sich auf einmal die ganze Familie gezwungenermaßen um den Küchentisch versammelt.

Doch was steht hinter diesem Trend? In der Design-Welt zielt Cocooning darauf ab, die Wohnung so gemütlich und heimelig einzurichten wie ein Nest. Ein Ort, wo alle Störungen abprallen und draußen bleiben müssen. Da soll an nichts gespart werden, denn schließlich geht es um das eigene Wohlbefinden und die psychische Gesundheit.

 

Cocooning vs. Hygge

Unsere Nachbarn im Norden haben schon lange ein ähnliches Konzept. Der dänische Begriff Hygge oder hyggelig findet sich heutzutage in fast jeder Wohnzeitschrift. Sind Cocooning und Hygge denn nun dasselbe?
Meiner Ansicht nach gibt es einen deutlichen gedanklichen Unterschied, auch wenn die Umsetzung im Wohnbereich manchmal gleich aussehen mag.

Cocooning meint den Rückzug ins Private, weil einen die Welt da draußen überfordert oder auch ängstigt. Alles soll gemütlich, harmonisch und schön sein. Gemütlichkeit ist sozusagen die Dämmschicht, die uns schützt. Sie schlägt sich oft in besonders hochwertigen Materialien und komfortablen Möbeln nieder. Denn keiner möchte in seinem Kokon Bequemlichkeit und Genuss vermissen, im Gegenteil: Innen soll es deutlich harmonischer, sicherer und gefälliger sein als in der Welt da draußen.

 

Hygge – mehr als nur ein Wohnstil

Das Konzept Hygge dagegen scheint eher eine Antwort der Menschen Nordeuropas auf die Gegebenheiten ihrer geographischen Lage zu sein. Hygge-ähnliche Wohnstile gibt es auch in den anderen skandinavischen Ländern; sie stehen derzeit bei uns unter den Einrichtungstrends hoch im Kurs.
In einer Landschaft mit kurzen, dunklen Wintertagen und langer Helligkeit im Sommer, mit viel Natur und wenigen großen Städten ergibt sich eine Reduktion auf ein schlichtes, klares, bequemes Design in reduzierten Farben fast von selbst. Das Motto ist eher: Genieße dein Leben und mach es dir schön. Bei Hygge geht es um ein gutes, entspanntes Leben und Wohnen ist nur ein Teil dieser Lebenshaltung, wenn auch ein wichtiger. So wird berichtet, dass die Dänen 6-8 Kilogramm Kerzen pro Jahr verbrauchen, die Deutschen dagegen nur 2-3 Kilogramm. Etwas ist nicht unbedingt hyggelig, wenn es teuer und von feinster Qualität ist, sondern wenn Dinge mit Liebe zusammengestellt sind und eher dem Lebensgenuss als der Repräsentation dienen.

 

 

Neue Entwicklungen durch Corona

Doch kommen wir noch mal auf den gegenwärtigen Wohntrend, das Konzept des Cocoonings zurück. Seine letzte Phase, auch Homing genannt, war die Zeit des Rückzugs ins eigene Zuhause. Die schöne Gestaltung sollte nicht nur die Bewohner unterstützen, sondern auch den Gästen imponieren. Man zeigt, was man hat: Qualität, Geschmack, Platz. Unter Corona hat Homing eine neue Dimension erhalten, neue Bedürfnisse sind entstanden. Nun möchte man nicht, sondern muss zu Hause bleiben. Und viele Dinge, die früher „draußen“ stattfanden, sind jetzt notgedrungen “drinnen“. Im Home-Office, Home-Schooling und nach den ganzen entfallenen Freizeitaktivitäten konzentriert sich das Leben jetzt auf die eigene Wohnung. Das heißt, in denselben Räumen müssen jetzt neue wichtige Funktionen ihren Platz finden. Laptop-Arbeit findet nicht nur hin und wieder am Küchentisch oder auf dem Sofa statt, sondern: Tendenz dauerhaft.

Die Möbelindustrie hat bereits auf die veränderte Situation reagiert. Der Markt bietet neue leichte Schreibtische, die auch nach der Arbeit noch gut aussehen. Insgesamt stehen jetzt Multifunktionsmöbel hoch im Kurs, denn nicht jeder hat Platz und Lust, sich für alle Lebenssituationen und –bedürfnisse ein separates Möbelstück anzuschaffen. Eigentlich gibt es die Vielseitigen schon lange, doch unter Corona hat sich ein neuer Bedarf entwickelt.

 

 

Inspiriert durch Tier- und Pflanzenwelt

Was kann den Menschen denn sonst noch unterstützen, sich in diesen schwierigen Zeiten wohlzufühlen? Die Antwort darauf ist eigentlich simpel und ebenfalls nicht neu: Die Natur. Wenn du dir hin und wieder einen Strauß Blumen kaufst, kennst du die stimmungshebende Wirkung von Pflanzen, stärker noch, wenn es sich um grüne Pflanzen handelt. Grün gilt als entspannend und beruhigend. Sogar auf das Immunsystem soll es sich positiv auswirken. Was liegt da näher, als sich diesen wohltuenden Faktor mit ein paar Pflanzen ins Haus zu holen?! Grün ist angesagt, doch für die Designer müssen es keine lebenden Pflanzen sein. Seine beruhigende Wirkung entfaltet sich auch auf Tapeten, Gardinen und Kissen, nach Wunsch auch mit Motiven aus der Pflanzenwelt.

 

In diesen Zeiten des unfreiwilligen Rückzugs haben viele Menschen vermehrt ein Bedürfnis nach Kuscheln und Intimität. Kürzlich meldeten die Nachrichten einen erstaunlichen Anstieg von Haustieren in Deutschland und fürchteten gleichzeitig ihr Abschieben für die Nach-Corona-Zeit. Ein Tier kann durchaus eine Hilfe gegen Einsamkeit sein; es ist immer da und lässt sich Streicheln und Kuscheln. Es bleibt die Frage, ob dieser Ansatz einem lebenden Tier gerecht wird. Die Sorge um die Pflege ist sicher berechtigt, wenn ein Haustier nur für diese menschlichen Bedürfnisse angeschafft wurde. Wieviel einfacher und tierfreundlicher ist es in diesem Fall, in weiche, kuschelige Wohnaccessoires zu investieren. Mit diesem Trend leidet kein Tier und der Mensch kann dennoch sein Bedürfnis nach  Gemütlichkeit und Einkuscheln ausleben. Samt rangiert da vor glatter Seide, Fell und Plüsch vor zarten, dünnen Materialien.

 

Möge uns bald die Nach-Corona-Zeit wieder einen offenen Blick auf die Vielzahl der Einrichtungsmöglichkeiten bringen, ohne Einengung durch die akuten Bedingungen dieser Zeit.

 

 

Was hat sich durch die Pandemie an deiner Wohnsituation verändert? Schreib hier gern einen Kommentar.

 

 

 

 

(1)          

https://www.brigitte.de/leben/wohnen/cocooning--was-hinter-dem-wohntrend-steckt-11592298.html

 

mehr zum Thema:

https://www.imm-cologne.de/magazin/design-und-architektur/cocooning-trend/

 

 

Bild von Hans Braxmeier auf Pixabay 

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